Katholischer Pflegeverband e.V.


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25.07.2013

Ich bin so frei ...

von Klaus Stock (Pfr. i.R.)

Über geschenkte, erworbene und eingeschränkte Freiheit

Kerstin hat ihre Freunde über Facebook eingeladen. Ihren 18. Geburtstag will sie ausgiebig feiern. Schließlich markiert dieser Tag wieder einen weiteren Schritt zu mehr Autonomie und Freiheit. Den Eltern hat sie deshalb auch vorgeschlagen, sich doch mal einen schönen Kurzurlaub zu gönnen, damit sie mit ihren Freunden allein in der Wohnung feiern könnte. Sie haben es sich nicht leicht gemacht, sind besorgt weggefahren. Hoffentlich gibt es nachher keine Beschwerden der Nachbarn: es sei zu laut gewesen, die jungen Leute hätten sich unmöglich benommen. Aufatmen - es ist alles gut gegangen. Kerstin hat ihre Eltern nicht enttäuscht.

Der 18. Geburtstag ist nur eine Etappe von vielen, in denen wir ein Leben lang zu immer größerer Freiheit und Autonomie heranwachsen. Der erste Schritt wird schon beim Eintritt ins Leben getan. Die Entbindung löst die totale Abhängigkeit von der Mutter und überführt sie in eine gestaltbare Abhängigkeit. In den ersten Wochen und Monaten ist davon noch wenig zu spüren. Aber alle Mütter sind dann doch erstaunt, wie schnell ihr Kind selbstständig und eigensinnig wird.

Einschulung, Schulabschluss, Wahl einer Berufsausbildung oder eines Studiums, immer mehr weitet sich der Radius der Freiheit hin zur Selbstverwirklichung – und damit auch zu mehr Verantwortung. In Freiheit sollte dann auch eine Partnerwahl geschehen. „Sind sie hierher gekommen, um nach reiflicher Überlegung und aus freiem Entschluß mit Ihrer Braut (bzw. ihrem Bräutigam) den Bund der Ehe zu schließen?“, fragt der Pfarrer bei einer kirchlichen Trauung. So wird der persönliche Weg jedes Menschen ein Abenteuer der Entdeckung und Übernahme von immer mehr Freiheit.

Das aber ist nur der eine Strang im Leben eines Menschen. Es gibt auch den gegenläufigen, den wir normalerweise erst in der Mitte des Lebens bewusst erfahren, es sei denn Krankheit oder Schicksalsschläge greifen schon früh und unverhofft ins Leben ein.

Die letzte Wegstrecke im Alter ist dann in jedem Fall steil und schwer und mutet uns zu, die gewonnene Freiheit immer mehr zu verabschieden. Angewiesen ist der Mensch in dieser Phase auf die Hilfe und Unterstützung anderer. Autonomie und Selbstbestimmung nehmen immer mehr ab. Bisher selbstverständliche Lebensvollzüge müssen schmerzlich abgegeben werden. Irgendwann einmal kannst du nicht mehr Radfahren, Skifahren, Bergwandern oder Autofahren, usw. Der Bewegungsradius wird kleiner. Zuletzt beschränkt er sich auf das häusliche oder nur noch auf das „Kranken-häusliche“ oder „Altenheim-häusliche“ Leben. Und im schlimmsten Fall schränkt ein Betreuer oder das Betreuungsgericht sogar deine körperliche Bewegungs-freiheit ein.

Leben zeigt also zwei gegenläufige Bewegungen: eine Zunahme an Freiheit und eine Einschränkung der Freiheit. Und beides muss gestaltet werden. Die wachsende Freiheit kann nicht als reine Beliebigkeit gelebt werden. Das wäre verantwortungslos. Und eingeschränkte Freiheit ist nur als tapfere Annahme des Unvermeidlichen auszuhalten und ohne Hoffnung auf ein ganz anderes Leben nur schwer zu ertragen.

Die Ethik unterscheidet zwischen einer Freiheit wovon und einer Freiheit wozu. Im Erleben wird die Freiheit wovon als Hoffnung und anzustrebendes Gut erwünscht. Die Freiheit wozu hingeben muss erspürt und errungen werden. Sie ist ein Charakterzug der reifen Persönlichkeit. Der Appell lautet:  Übernimm Verantwortung, drück dich nicht vor – auch schweren – Aufgaben.

Stefan Zweig sagt: „Es lohnt sich schon, etwas Schweres auf sich zu nehmen, wenn man es einem Menschen damit leichter macht“. Das moderne Lebensprogramm: „Wenn es mir gut geht, geht es auch den anderen gut“, bedarf offenbar einer Ergänzung. Die Wiederentdeckung der Nächstenliebe ist angesagt! Die damit einhergehende Einschränkung der Freiheit kann also angenommen werden. Nicht selten aber muss sie einfach auch erlitten werden.

Aber das ist noch nicht alles, was über die Freiheit zu sagen wäre. Denn als soziale Wesen sind wir aufeinander verwiesen und wohl oder übel auch abhängig von den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. In demokratischen Gesellschaften ist die Freiheit ein wichtiges, wenn auch gefährdetes Gut. In Grundgesetzen und Menschenrechts-deklarationen nimmt sie einen hohen Rang ein.

Die Realität aber sieht meist anders aus. Wie frei ist der freie Bürger wirklich? Sind wir nicht inzwischen „versklavt und verloren“ an die Märkte, die Werbung und den sog. Mainstream? Vielen Zeitgenossen ist noch gar nicht aufgegangen, wie viel an Freiheit sie schon an das Internet und alle Varianten der modernen EDV-Technik abgegeben haben. Das Selbstverständnis der Piratenpartei offenbart dieses Dilemma.

Von einer ganz anderen Freiheit muss zuletzt noch gesprochen werden. Sie beruft sich auf ein Wort des Völkerapostels Paulus aus dem Galaterbrief: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Bleibt daher fest und lasst euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen!“ (Gal 5,1) Martin Luther hat diesen Appell in seiner 30 Thesen umfassenden Denkschrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ radikal umgesetzt und dazu beigetragen, dass auch die ganze Kirche verstanden hat: Es darf keinen Zwang geben. Religionsfreiheit – seit dem 2. Vatikanischen Konzil garantiert – entspricht der Würde des Menschen. Auch die Gottesbeziehung kann und darf nicht per Dekret verordnet werden. In einem Hymnus zum Christkönigsfest heißt es über Jesus:

„Doch nicht auf Zwang baut deine Macht
und nicht auf Furcht dein Königtum.
In Liebe ziehst du uns an dich …“


Diese ganz andere Freiheit hat allerdings einen transzendenten Grund. Sie kann sich nicht auf innerweltliche Garanten stützen, auch nicht auf den Träger der Freiheit, den Menschen selbst. Sie ist eine geschenkte Freiheit und wird nur im Sprung des Glaubens an Gott ertastet und lebbar. Vermutlich waren die ersten Christen für die damalige Welt deshalb so interessant, weil sie gegenüber allen weltlichen Einreden und Herrschern wirklich frei waren. Ihre Lebens-grundlage war die vertrauensvolle Beziehung zum Herrn der Freiheit, zu Jesus Christus. Eine größere Freiheit kann es nicht geben. Denn sie mündet im Bekenntnis einer Macht größer als wir selbst, sie gründet durch Christus in Gott allein. Und dieser ist der Garant unserer Freiheit.

Klaus Stock
Pfr. i.R.
 

Diesen Beitrag können Sie sich gerne im Downloadbereich unterhalb dieses Artikels als PDF downloaden. Er ist in der Ausgabe 1/2013 unseres Mitgliedermagazins PflegeLeben erschienen. Die vollständige Ausgabe, unter anderem mit einem sehr interessanten Artikel über die physischen Auswirkungen Freiheitsentziehender Maßnahmen von Prof. Dr. Berzlanovich finden Sie hier.

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