Katholischer Pflegeverband e.V.


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25.07.2013

Eine Sprache, die alle verstehen

von Mathias Mader

Bild: Mader

Über U-Boot-Christen, Konsum, Sehnsucht, der Zacharäusgeschichte und Weihnachten.

Neulich las ich in einer Wochenzeitung einen interessanten Artikel über Sprachen (wer ihn nachlesen möchte, findet den Beitrag im Internetarchiv der ZEIT, Ausgabe 12.07.2012). Forschungen haben gezeigt, dass gerade die Sprachen, die nur von kleinen Völkern und Gemeinschaften gesprochen werden, häufig die schwierigste Grammatik haben. So gibt es etwa in der Sprache Yagua, die von indigenen Gruppen im peruanischen Amazonasgebiet gesprochen wird, gleich fünf Vergangenheitsformen. Wer sich in dieser Sprache unterhalten und verständlich machen will, muss also genau ausdrücken können, was er wann getan oder unterlassen hat: vor Stunden, Tagen, Monaten oder vor noch längerer Zeit – und so genau bestimmt muss er die Wortendungen formulieren, sonst versteht sein Gesprächspartner nur Bahnhof. Je kleiner, abgelegener und damit eben auch isolierter eine Sprachgemeinschaft ist, desto komplizierter also die Sprache. Je größer und global vernetzter eine Sprachgemeinschaft ist, desto mehr schleifen sich die Besonderheiten ab und desto einheitlicher und durchschaubarer werden die Regeln…

U-Boot-Christen – nur an Heiligabend tauchen die noch auf

Ich finde das eine interessante Beobachtung, die ich einmal auf unseren Glauben und hier vor allem auf das Weihnachtsgeheimnis übertragen möchte. Sie alle kennen vermutlich die immer wieder zu hörende Klage aus dem Mund von Kirchenleuten: nur an Weihnachten kommen die Menschen noch in die Kirche! Das böse Wort von den U-Boot-Christen macht die Runde: nur am Heiligabend tauchen die noch auf!

Konsum oder Sehnsucht?

Natürlich: auch die Kirchen finden sich heute auf dem Markt der Möglichkeiten wieder, auf dem selbst die religiösen Bedürfnisse dem Gesetz von Angebot und Nachfrage unterliegen. Spiritualität wird heute vielfach „konsumiert“; traditionelle Bindungen weichen einem ganz persönlichen Bewerten und Auswählen, das sich um Vorgaben von Autoritäten nicht (mehr) kümmert. Im Gespräch mit vielen Zeitgenossen, das ja zum Alltag eines Seelsorgers gehört, höre ich immer wieder, wie auch Kirchenferne auf den Besuch der Christnacht nicht verzichten möchten, „weil es so schön und feierlich mit den Kerzen, der Musik und dem geschmückten Tannenbaum in der Kirche ist“. Aber was auf den ersten Blick wie ein Naschen an fremden Früchten erscheint und manchen treuen Kirchgänger vielleicht auch ärgert, ist doch bei genauerem Hinhören der Ausdruck einer leisen, kaum formulierbaren Sehnsucht. 

Die Zachäusgeschichte – von der Suche nach Gott

Einer, der noch mal ganz neu auf diese oft so verborgene Sehnsucht nach Sinn, Tiefe und einem tragenden Halt bei unseren kirchenfernen Mitmenschen aufmerksam macht, ist der tschechische Theologe und Psychologe Tomaš Halík. Sein Buch „Geduld mit Gott“ wurde ein Bestseller und als das beste theologische Buch in Europa 2009/10 ausgezeichnet. Er geht darin auf die biblische Zachäusgeschichte ein und deutet sie als Symbol für das Suchen nach Gott – das Suchen der Christen wie das Suchen derjenigen, die wir oft als Nichtchristen oder Religionslose bezeichnen, aber damit vielleicht schon zu negativ etikettiert haben.

Die „Sehnsucht ist der Anfang von allem“, hat die Dichterin Nelly Sachs einmal gesagt. Es kommt, so Halík, darauf an, diesen Anfängergeist, diese Sehnsucht, die sich mit dem Erreichten und Erkannten nicht zufrieden gibt, in mir wach werden zu lassen. In seinem Buch zeigt er eine große Sympathie für Zachäus, der sich im Laubwerk des Baumes versteckt und nur aus der Distanz einen Blick auf Jesus zu werfen versucht. Halík sieht auch bei vielen Landsleuten in Tschechien, dem Land mit der (statistisch) größten Kirchenferne weltweit, eine „scheue“ Religiosität: ein Fragen und eine tief innewohnende Skepsis, die dennoch auf der Suche ist. Und er möchte uns Christen aufrütteln, dieses Ringen und Suchen nicht zu verlieren.

Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass uns die Sehnsucht, das Aushalten von Fragen und Warten auf (Gottes) Antwort heute schwer geworden ist, wenn viele den Advent mühsam finden. Einerseits eine Zeit der Ruhe und Besinnung, andererseits aber eine Zeit der Hektik und der noch schnell zu tätigenden Erledigungen zum Weihnachtsfest und zum Jahresschluss. Allen guten Worten und Predigten zum Trotz finden wir Christen uns in dieser Erfahrung mit den Kirchenfernen vereint und mühen uns wie sie um ein bisschen Ruhe, Stille und Besinnung.

Dabei ist Weihnachten ist doch ganz einfach

Dabei ist es nicht so, als müssten wir wer weiß welche Klimmzüge machen, um Weihnachten und seine Botschaft zu verstehen. Das Christfest ist vielmehr ganz einfach, ja geradezu schlicht: ein Kind kommt zur Welt und mit ihm Gott selbst, wird in eine fast namenlose Familie hineingeboren, ganz am Rande der großen Bühnen dieser Welt. So schlicht und unaufdringlich ist dieses Geschehen, dass es auch an meiner bewegten Alltagswelt manchmal keinen Haftpunkt findet. Die Vorbereitung, die ein Advent uns dafür anbieten möchte, kann daher ebenfalls nichts Großes und Herbeigezwungenes sein. Die Sprache, die hier zu lernen ist, kommt ohne viel Akrobatik und Fremdworte aus. Denn wäre sie kompliziert und nur wenigen wirklich vertraut, würden nicht so viele Menschen unserer Tage den Zauber dieses Festes suchen – wie verkitscht und vermarktet auch immer!

Dass die Sprache Gottes eigentlich ganz einfach, zu Herzen gehend und kraftvoll ist, hat vielleicht kaum jemand so frisch und lebendig zum Ausdruck gebracht wie der Heilige Franziskus. Im Innenhof der Geburtskirche von Betlehem habe ich das Foto von ihm aufgenommen, das Sie hier abgedruckt finden. Ich finde es so schön, weil es zeigt, wie Franziskus den freien Schwung und die Lebendigkeit der Vögel aufnimmt und so in den frohen Gleichklang der Schöpfung einstimmt. Im Alltag kann uns diese Freude durch die Vielzahl der Aufgaben und die Geistlosigkeit der Strukturen leicht verloren gehen. Ich wünsche uns für den nun kommenden Advent Momente, wo uns die Sehnsucht nach der ganz anderen Freude und Fülle packt – und damit nach dem, was Gott uns in Jesu Menschwerdung verheißt.

Matthias Mader, Dresden

Im Downloadbereich unter diesem Beitrag können Sie sich den Artikel gerne herunterladen. Die komplette Ausgabe der PflegeLeben mit vielen interessanten Beiträgen sowie einem Interview mit Hr. Prof. Dr. Bossle finden Sie hier.

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