Katholischer Pflegeverband e.V.


Spiritualität gibt Orientierung

Seelsorge für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen in der Diözese Regensburg

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28.03.2016

Spiritual care

  1. Spiritualität und Religion

Der Begriff „Spiritualität“ ist im Deutschen viel seltener als „Religion“. Zwischen beiden Begriffsfeldern gibt es Überschneidungen. Deshalb zu Beginn ein Blick ins Wörterbuch:

 

  1. Was bedeutet „Spiritual Care“? II


III

Abb. 1: Vergleichende Abfrage von Wortprofilen aus dem Digitalen Wörterbuch der Deutschen Gegenwartssprache (www.dwds.de, Abfrage am 26.8.2015)



Abb. 1 zeigt vergleichende Wortprofile für „Spiritualität“ und „Religion“ im Deutschen. Sie veranschaulicht, mit welchen anderen Wörtern diese Abfrageworte häufig gemeinsam auftreten. Durch die Schriftgröße des jeweiligen Wortes in der Textwolke wird die Stärke der statistischen Assoziation angedeutet. Im Internet sind die Wörter in den Wortwolken anklickbar. So gelangt man zur Anzeige der Belege aus dem Textvorrat des Wörterbuches, die der jeweiligen Analyse zugrunde liegen. Der Nutzer kann wählen, auf welcher statistischen Grundlage und mit wie vielen Elementen das Wortprofil angezeigt werden soll. Der Vergleich der beiden hier interessierten Begriffe ist in folgender Weise möglich:

  1. Obere Wortwolke: Wörter, die mit „Spiritualität“ statistisch stark assoziiert sind

  2. Mittlere Wortwolke: Wörter, die sowohl mit „Spiritualität“ auch mit dem Vergleichswort „Religion“ statistisch stark assoziiert sind

  3. Untere Wortwolke: Wörter, die mit „Religion“ statistisch stark assoziiert sind


In der Wortwolke I fallen Begriffe des Strebens auf: Suche, Bedürfnis, Sehnsucht. Die klösterliche Beheimatung der Spiritualität ist mit den Begriffen monastisch und benediktinisch markiert. Prominent ist der Begriff Transzendenz (von lat. transcéndere: überschreiten, hinausgehen über). Transzendenz meint das Überschreiten der Grenzen des Machbaren, Feststellbaren, Kontrollierbaren. Am größten ist die Wortwolke II: Religion steht mit den nichtchristlichen Gemeinschaften in einem Zusammenhang, aber auch mit institutionellen und politischen Aspekten.

Interessant ist das Überschneidungsfeld zwischen beiden Begriffen (Wortwolke II): Christentum wird sowohl mit Religion als auch mit Spiritualität in Zusammenhang gebracht, aber auch Mystik und (persönliche) Religiosität. Beides kann auch fernöstlich (in Herkunft oder Ausrichtung) sein.

Sprachgeschichtlich stammen Spiritualität und Religion aus dem Lateinischen. „Religion“ kann auf das lat. relégere (bedenken, sorgfältig beachten) und damit auf Vorzeichen und Vorschriften bezogen werden. Eine andere Erklärung führt das Wort auf relig?re (zurück-, auf-, anbinden, befestigen) zurück und meint die Bindung des Menschen an Gott. Das dazugehörige Eigenschaftswort religi?sus kann allgemein ‘gewissenhaft, gottesfürchtig,

fromm, heilig’ bedeuten, aber auch speziell das Mitglied eines (religiösen) Ordens bezeichnen.

„Spiritualität“ ist nach dem lat. spiritus (Geist, Atem, Wind) gebildet und greift den neutestamentlichen Begriff pneûma auf. Paulus meint mit pneûma den inneren Menschen, der eine ‚Antenne‘ für die Transzendenz hat, offen ist für das göttliche pneûma, den heiligen Geist: „Das pneûma selbst ist zusammen mit unserem pneûma Zeuge, dass wir Kinder Gottes sind“ (Römer 8,16). Das von spiritus abgeleitet Eigenschaftswort „spirituell“ kann übersetzt werden mit: geistig, geistlich, geistvoll, geistreich, begeistert, witzig. Interessanterweise redet man inzwischen umgangssprachlich vom „Spirit“ einer Idee oder einer Organisation.



  1. Was bedeutet „Spiritual Care“?

Der Ausdruck „Spiritual Care“ klingt zunächst fremd, vielleicht sogar ein wenig gekünstelt. Oft werde ich bei Vorträgen oder Seminaren gefragt, ob man das Gemeinte nicht einfach auf Deutsch sagen kann. Aber: Spiritual Care ist ein relativ neuer Name für eine Dimension, die zum Helfen gehört, besonders zur Kranken- (oder Gesundheits-) und Altenpflege.

Pflege wird im anderen diesbezüglichen Beitrag in dieser Ausgabe (s. dort) definiert als PkB


P [Pflege oder anderer Gesundheitsberuf] k [kümmert sich um] B [Bewohner(in) oder Patient(in)]


Was ist nun spirituell an der Pflege oder, allgemeiner gesprochen, am Caring der Gesundheitsberufe? Ist P, k oder B spirituell oder vielleicht sogar alle drei: P, k und B?


B. Dass Bewohner bzw. Patientinnen spirituelle Bedürfnisse haben, auf die mehr oder minder gut eingegangen wird, passt zu dem oben dargestellten Gebrauch in der gegenwärtigen deutschen Alltagssprache: Spiritualität ist ein persönliches Suchen, Sehnen und Brauchen, ein Bedürfnis. Dieses Bedürfnis kann sich als Unterstützungs- und Hilfebedarf oder auch als Not, Krise und Belastung zeigen. Das US-amerikanische National Comprehensive Cancer Network spricht von “Disstress” (Belastung) in psychosozialer und spiritueller Hinsicht als einem sechsten Vitalzeichen neben Puls, Blutdruck, Temperatur, Atmung und Schmerz.


k. Spirituell ist aber auch das Kümmern, das Caring. Was macht eine therapeutische Intervention zu einer spirituellen Intervention? Es kann das Eingehen auf B.s diesbezügliche Wünsche sein. Häufig ist k jedoch keine explizit spirituelle Kommunikation, sondern eine Präsenz, die den Patienten in seinen verschiedenen Dimensionen wahrnimmt: leiblich, psycho-sozial und spirituell. Pflege ist also nicht erst dann spirituell, wenn das Thema der Spiritualität ausdrücklich vorkommt. Spiritualität und Achtsamkeit ist vielmehr eine Frage der Präsenz, der Gegenwart.


 

P. Schließlich geht es um die Spiritualität der Helfer. Die spirituelle Selbstsorge der Pflegenden und anderer Gesundheitsberufe wird oft übersehen. Die eigene spirituelle Suche von P nämlich meist deswegen nicht im Gespräch mit B thematisiert, weil weltanschauliche Neutralität zur professionellen Haltung gehört. Es ist nicht nur wünschenswert, sondern in ethischer und rechtlicher Hinsicht geradezu gefordert, dass Pflegende die Grenzen den ihnen anvertrauten Menschen achten und schützen. Weder im spirituellen Bereich noch in anderen, welche die Freiheit der Patienten berühren, dürfen Schwestern und Pfleger beeinflussen, überreden, die Schwäche des kranken Menschen ausnutzen, um ihn zu spirituellen Handlungen, Entscheidungen, Orientierungen zu drängen.

Aus dem Gesagten könnte man jetzt folgern, dass Pflege auf jeden Fall „unspirituell“ zu sein hat. In der Tat werden Fragen der Spiritualität nicht selten „abdelegiert“ (von der Medizin an die Pflege und von der Pflege an die Seelsorge), mit wechselnden Begründungen: keine Zeit, keine Kompetenz, Respekt vor der Privatheit / Intimität der Spiritualität. Dies kann zu einer regelrechten Tabuisierung des Spirituellen führen, bisweilen zur gegenseitigen Tabuisierung zwischen Pflege und Patient. Wenn dann an dieses Tabu gerührt wird, löst dies Scham aus, Scham, die dann wieder vermieden werden muss.

Hilfreich ist es, den Begriff der Transzendenz sehr nah am beruflichen Alltag der Pflege zu gebrauchen, ihn also nicht auf die „große“ Transzendenz des Göttlichen und Heiligen einzuengen. Der Transzendenz (Hinausgehen über…, Mehr sein als…) begegnen wir in dreierlei Hinsicht (Weiher 2008).

  1. Transzendenz des kranken Menschen als Person: Der Kranke ist nicht nur Patient, so sehr ihn dies in einer akuten Krankheitsphase auch prägen mag. Er ist auch eine Person mit einer Geschichte, mit einer sozialen Identität über die Mauern des Krankenhauses hinaus.

  2. Die menschheitliche Transzendenz: Der Patient hat nicht nur ein persönliches Krankheits-Schicksal zu tragen, er ist aufgehoben in den Erfahrungen der Menschheit mit Symbolen und Erzählungen, an die er „andocken“ kann.

  3. Die große Transzendenz gegenüber dem Heiligen, dem Göttlichen. Auch diese Transzendenz kann im Alltag erfahren werden, wenn wir mit F. Nietzsche akzeptieren, dass der Mensch das „noch nicht festgestellte“ Tier ist, dass er niemals restlos feststellbar ist, sondern Geheimnis. Der Begriff „Geheimnis“ dient nicht der Vernebelung oder Geheimniskrämerei. Er soll schlicht etwas über das Menschenbild der Pflege sagen: Der Mensch ist offen für das Heilige, hat eine spirituelle Antenne. Wenn ich das bei mir selbst annehme, kann ich es auch besser bei dem mir anvertrauten Patienten akzeptieren.

 


  1. Persönliche Spiritualität: Eine Ressource

Während Religion und Spiritualität in der alten Religionspsychologie eher als problematisch gesehen wurden, ja: als krankmachend, gilt heute die Regel: Spiritualität kann Teil des Problems oder Teil der Lösung sein (Pargament 2014). Spiritualität ist also eine mögliche Ressource (Kraftquelle) in der Krankheitsverarbeitung. Schon deshalb ist es sinnvoll, den Patienten in taktvoller, aber doch klarer Weise auf seine spirituelle Orientierung anzusprechen, sei diese nun im engeren Sinne religiös oder eine nicht institutionenbezogene Weltanschauung, vielleicht sogar atheistischer Art.

Spiritualität ist jedoch nicht nur für kranke Menschen eine mögliche Ressource, sondern auch für die Gesunden, die kranke Menschen begleiten.

Das Modell des „verwundeten Heilers“ ist in diesem Zusammenhang sehr hilfreich. Wenn ich Krankheit, Schwäche, Verwundung und Bedürftigkeit als Therapeut nur beim Patienten sehe, mich selbst hingegen ausschließlich für gesund, stark, bedürfnislos usw. halte, dann spalte ich den Heilungsprozess und die Spiritualität. Spiritualität ist dann nur etwas für Kranke und Sterbende, eine Ressource, die bei bestimmten Bedürfnissen bereitgehalten wird.

Spiritualität ist jedoch auch für die Gesundheitsberufe eine Ressource, wie wir im PkB-Modell gesehen haben. Wenn ich eine Spiritualität der Gesundheitsberufe allgemein und für mich persönlich zulassen kann, dann wird die Spaltung überwunden – zum Wohl der Patienten und der Gesundheitsberufe. Dann können beide voneinander lernen (Frick 2015).


2) Unterbrechungskultur: Die Seele der Organisation

Nach § 10, 5 der Arbeitsvertragsrichtlinien des Deutschen Caritasverbandes können jährlich bis zu drei Tagen bezahlte Arbeitsbefreiung für Exerzitien gewährt werden. Allerdings ist diese Möglichkeit wenigen Mitarbeitenden kirchlich getragenen Institutionen bekannt. Es wird von der Leitungsebene eher nicht gefördert und von der Basis eher nicht ‚nachgefragt‘. Das Wort Exerzitien kommt vom span. ejercicios (Übungen). Ignatius von Loyola definiert sie im Vergleich mit sportlicher Betätigung:


„Denn wie das Umhergehen, Wandern und Laufen leibliche Übungen sind, genauso nennt man »geistliche Übungen« jede Weise, die Seele darauf vorzubereiten und einzustellen, alle ungeordneten Anhänglichkeiten von sich zu entfernen und, nachdem sie entfernt sind, den göttlichen Willen in der Einstellung des eigenen Lebens zum Heil der Seele zu suchen und zu finden (Spirituelle Übungen Nr. 2)“.


Seit Ignatius diese Zeilen im 16. Jahrhundert hat sich die berufliche und private Lebenswelt stark verändert. Auch die Formen von Exerzitien haben sich verändert: Diese müssen nicht unbedingt in Klöstern oder anderen speziellen Häusern stattfinden. Aber immer noch sind Exerzitien eine Unterbrechung des Alltagslebens, ein Übungs-Weg der spirituellen Suche, der gerade sehr aktiven Menschen helfen kann, ihr berufliches Engagement und ihre Spiritualität zusammenzubringen. Voraussetzung dafür ist, dass Exerzitien in Formaten angeboten werden, die für die Gesundheitsberufe zugänglich sind. Sie sollten keine Alibifunktion haben und Missstände in der Organisation zudecken, sondern vielmehr einen guten Praxisbezug aufweisen (Reber 2013).

Inzwischen gibt es praktische Modelle, die Unterbrechungskultur innerhalb von Organisationen zu fördern, z.B. durch das Angebot existenzieller Fallbesprechungen (Ehm im Druck). Es wird zunehmend klar, dass Spiritualität nicht nur eine potenzielle Kraftquelle in der Krankheitsverarbeitung ist, sondern auch eine Ressource für Pflegende und andere Gesundheitsberufe.

 

  1. Spirituell mit Leib und Seele

Auf den ersten Blick scheint Spiritual Care nicht in die materialistische Medizin und Pflege zu passen (Klingl & Frick 2011). Das technische Können, die apparativen und medikamentösen Möglichkeiten stehen gerade im Krankenhaus so im Vordergrund, dass Spiritualität eher etwas für Feieransprachen, Gottesdienste oder für den kirchlichen Bereich zu sein scheint.

Das Beispiel von Palliative Care zeigt allerdings, dass sich Pflege um die körperlichen Probleme des Patienten ebenso kümmern muss wie um seine psycho-sozialen und spirituellen. Werden hingegen die spirituellen Aspekte vernachlässigt, fühlt sich der Patient nicht ganzheitlich wahrgenommen. Im Extremfall kann es zu einer Vertrauenskrise zwischen dem Patienten und dem Behandlungsteam kommen.

Wenn der Mensch in seiner physisch messbaren Realität wahrgenommen und als Wesen der Transzendenz respektiert wird, können die fachlich-technischen „materiellen“ Aspekte nicht mehr gegen Spiritual Care ausgespielt werden. Pflege hat nicht erst am Lebensende ein spirituelles Potenzial, das im Interesse von Patienten und Pflegenden entdeckt und gefördert werden kann.

Autor:

Prof. Dr.med. Eckhard Frick sj

Professur für Anthropologische Psychologie

Hochschule für Philosophie

Kaulbachstr. 31a

D-80539 Muenchen

www.seelsorgestudie.com




Ehm S (im Druck) Existenzielle Fallbesprechung – ein Führungsinstrument zur Entlastung Pflegender. Ergebnisse einer qualitativen Studie. Spir Care.

Frick E (2015) Psychosomatische Anthropologie. Ein Lern- und Arbeitsbuch für Unterricht und Studium (2. Auflage). Stuttgart: Kohlhammer.

Klingl C & Frick E (2011) Chancen für Spiritual Care in einer materialistischen Medizin und Pflege. In E. Frick & T. Roser (Hg.), Spiritualität und Medizin. Gemeinsame Sorge für den kranken Menschen (2. Auflage) (157-161). Stuttgart: Kohlhammer.

Pargament KI (2014) Im Gespräch mit Kenneth Pargament. Spir Care 3:264-270.

Reber J (2013) Christlich-spirituelle Unternehmenskultur Stuttgart: Kohlhammer.

Weiher E (2008) Das Geheimnis des Lebens berühren. Spiritualität bei Krankheit, Sterben, Tod. Eine Grammatik für Helfende. Stuttgart: Kohlhammer.