Katholischer Pflegeverband e.V.

Wo wir in Deutschland
zu finden sind

Katholischer Pflegeverband e.V.

Adolf-Schmetzer-Str. 2-4

93055 Regensburg

Germany

Telefon: 0941 6048 77-0

Telefax: 0941 6048 77-9

E-Mail: info@kathpflegeverband.de

Werden Sie Mitglied!

zum Anmeldeformular …

16.07.2016

Die Rückkehr der Ganzheitlichkeit?

Ein Telefonat mit einem alten Kollegen aus dem Altenhilfebereich forderte ein Wort zutage, daß ich eigentlich vergessen hatte – Ganzheitlichkeit - .

Auf meine Nachfrage erzählte er mir von seinem Projekt, daß er noch vor seiner Rente fertigstellen möchte. Ein Neubau des Pflegeheimes für das er verantwortlich ist. Im Laufe seiner Erläuterungen für den Bau kam er auf seine damalige Facharbeit für ein Pflegeheim, daß seinen Vorstellungen für eine ganzheitliche Pflege der Bewohner entsprach.

Ganzheitlichkeit – was war das nochmals: den ganzen Menschen umfassend in seiner Auseinandersetzung mit Körper, Seele und Geist. Mit einem Hilfebedarf der diese 3 Bereiche umfasst. Dies die Auffassung in der Pflege in den 80er und Anfang 90er Jahren vor Beginn der Pflegeversicherung. Der Pflegepersonalschlüssel war noch etwas weiter, es gab damals schon immer Zeiten von wenig Personal, aber nicht so ausgeprägt wie heute. Viele Einrichtungen wurden noch geprägt von christlichen Vorstellungen über Körper, Seele und Geist und den Verantwortlichen der Einrichtungen, die oftmals Ordensschwestern waren. Die Unterrichtsinhalte waren auf diese 3 Bereiche ausgerichtet, Sr. Liliane Juchli mit ihren Ausführungen zur ganzheitlichen Pflege war allgegenwärtig. Englischsprachige Pflegetheorien waren nur wenigen bekannt und wurden nur in den seltensten Fällen in deutschen Pflegeeinrichtungen umgesetzt.

Aber gleichzeitig wehte ein Hauch der „Erneuerung“ durch den Pflegealltag. Erneuerung dahingehend oder abweichend zum bisherigen, Aussagen der Pflegenden waren klar und man glaubte ihnen einfach was in der Pflege getan wurde. Nun hielten immer mehr die Betriebswirte in den Einrichtungen Einzug. Diese wollten genaue Zahlen haben was geleistet wurde. Anfangs war dies für diese Berufsfremde schwer dies zu verstehen, aber mehr auch auf Druck von Kassen, Kostenträger wurde nach Zahlen verlangt – Ein Graus für die Pflegenden. Einerseits haben sich Pflegende auf den Weg gemacht um ihre Arbeit darzustellen. Unzählige Formen der Datenerfassung wurden ausprobiert. Im Klinikbereich kamen die PPR dabei heraus. In der stationären und ambulanten Pflege hielt die Pflegeversicherung Einzug, mit der sogenannten „Minutenpflege“. Für Pflegende anfangs schwierig zu verstehen und überhaupt nicht für Aussenstehende zu verstehen. (Manche Aussenstehende verstehen es auch heute noch nicht). Durch diese Minutenpflege ging der Menschenbezogene also ganzheitliche Ansatz sowas von verloren, wie es nicht vorstellbar war.

Somit war den Betreibern klar, jetzt müssen alle Abläufe in den Pflegebetrieben optimiert werden, um den gesetzten Anforderungen der Kostenträger gerecht zu werden. Alle Abläufe sollen schlank werden. Aber was bedeutet schlank werden, den Abläufen wird die Seele genommen, um mit dem Menschen Pflege durchzuführen. Dies führt unweigerlich zu gefrusteten Mitarbeitern, weil sie nur den schlanken Abläufen hinterherlaufen und den zu pflegenden Menschen auf der Strecke lassen müssen. Dieses auf der Strecke zu lassen, bedeutet Verlust der Ganzheitlichkeit, es kann nur ein Teilaspekt des Menschen bedient werden, die ausschließliche Versorgung des Körpers.

Die Seele überließ man den kirchlichen Einrichtungen, die aber auch kein Personal haben, sprich zu wenige Seelsorger vor Ort. Ehrenamtliche der Gemeinde können es nur im Ansatz leisten.

Der Geist wurde ausgelagert in Betreuungskräfte, die immer mehr eingestellt wurden, gerade in Baden-Württemberg wurde viel investiert, auch weil der Personalschlüssel dafür aufgestockt wurde (natürlich auch Bundesweit, weil die Betreuungsschlüssel sprich die eingeschränkte Alltagskompetenz besser bezahlt wurde). Hier sehe ich immer mehr Betreuungskräfte, die oft nicht so gut bezahlt werden wie Pflegefachpersonen und diese Arbeit übernehmen ohne eine grundlegende Ausbildung. Dies kann so nicht weitergehen, aber wird doch weitergehen, weil die Personalkosten dadurch sinken.

Wie sie sehen wurde eine Arbeitsteilung durchgesetzt, die allen Beteiligten nicht gut tun. Den Mitarbeitern und auch den Bewohnern nicht.

Von vielen Seiten wurde gefordert, das Beurteilungssystem der Pflegeversicherung neu auszurichten, weil diese „Minutenpflege“ nicht dem „ganzheitlichen“ Menschenbild entspricht. Also wurde das neue Begutachtungsassessement entworfen, erprobt und soll ab 1.1.2017 flächendeckend eingeführt werden. In manchen Publikationen (Kimmel 2015a, 364 sowie Frank 2015, 357) stellt das NBA ein Paradigmawechsel dar. Im Sinne des Gesetzes stimmt dies wohl, aber wenn ich die Menschen sehen kommen wir damit ein wenig der Ganzheitlichkeit näher?

Richtige Paradigmenwechsel sehen anders aus. Eigentlich heißt es doch zurück zum Anfang (Anfang heißt: 31.12.1995 – Einführung des SGB XI und Leistungsgewährung) und dieser Anfang war zugleich das Ende der Ganzheitlich aktivierende Pflege in unserem System. Wenn ich so was sehe, wurden erhebliche Mittel in den vergangenen Jahrzehnten einfach durch den Schornstein gejagt mit Auswirkungen in die Personalpolitik der Pflegelandschaft in Deutschland. Wir bewegen uns nun auf einem niedrigeren Niveau als vor 20 Jahren. Ausgebildete Pflegefachpersonen drehen diesem System den Rücken zu oder emigrieren in die Teilzeitarbeit und junge Menschen sehen diese Misere und wählen einen anderen Beruf als die Pflege. Eigentlich muß die Gesamtgesellschaft das Problem der Pflege- und Betreuungsarbeit aus den eigenen Reihen bewältigen, leider geschieht dies nicht, sondern versucht ausländische Kräfte zugewinnen mit entsprechenden Auswirkungen in den dortigen Pflege- und Versorgungssystemen.

Ich will diesen neun Pflegebegriff als erneuten Versuch werten, die Ganzheitliche aktivierende Pflege wieder neu zu starten. Aber laßt diesmal die Betriebswirte einfach aus dem Spiel – sie verderben einfach die Pflege.

Ich kann meinem alten Pflegekollegen einfach nur wünschen, daß er die Ganzheitlichkeit den Mitarbeitern neu zeigen kann, mit guten Ergebnissen für die Betroffenen.

 

Ernst Olbricht

Vorsitzender der Landesgruppe Baden-Württemberg