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Pressebericht: Salzburger Pflegekongress 2011 – Vom Wert der Würde

Die große Zahl der Teilnehmer war für die Veranstalter ein Beweis dafür, dass etwas nicht stimmt im beruflichen Alltag der Pflegenden. Die Rahmenbedingungen und die zunehmende Auszehrung der Kräfte gefährden den würdevollen Umgang miteinander. Patienten und Pflegekräfte befällt ein Unbehagen. Sie suchen nach Wegen aus der Gefährdung der Humanität.

Dass die Würde des Menschen nicht nur in großen Texten (Grundgesetz der BRD, Deklarationen der UNO) ablesbar ist, sondern sich in den täglichen kleinen Verhaltensweisen zeigt, konnte Prof. DDDR. Clemens Sedmak in seinem Grundsatzreferat „Die Würde des Menschen ist unabtastbar“ überzeugend darstellen. Der Würdebegriff kann dreifach gelesen werden: Würde als Ehre (sozial zuerkannt), Würde als „Würdigkeit“ und Würde als „Menschenwürde“, die jedem innewohnt. Allein aufgrund seines Daseins sei der Mensch „der Ehrung wert“. Sedmak erinnerte an den südafrikanischen Bischof Desmond Tutu, der mit dem Wort „ubuntu“ eine grundlegende Regel des würdevollen Umgangs miteinander propagiert hat: „Ich gewinne an Würde, wenn ich andere würdevoll behandle“. Umgekehrt verliere ich auch meine Selbstachtung, wenn ich andere würdelos behandle. Er warnte vor einer weit verbreiteten „Menschenblindheit“, die keine Unterscheidung mehr kennt zwischen Mensch und Ding. Hier sei auch eine Grenze erreicht im Bemühen, den Wert der Menschenwürde durch bloße Appelle zu retten. „Wenn du das (diese Unterscheidung) nicht siehst, kann ich Dir nicht helfen“.

Dass die Sprache im Umgang miteinander eine Mauer, aber auch ein Fenster sein kann, wurde im zweiten Referat von Dr. Uwe Schirmer deutlich. Beziehungen müssen gestaltet werden. Sie tragen unbewusst immer eine Tendenz der Manipulation in sich. Je geringer der Grad der Manipulation ist, umso besser ist die Beziehung. Nur so ist gewaltfreie und würdevolle Kommunikation möglich. Einfühlendes Verstehen und die Fähigkeit, Bedürfnisse wahrzunehmen und auch auszudrücken, müssen durch Schulung und Übung erworben werden.

Aus einem heiklen Feld der Pflege berichtete die Gerichtsmedizinerin Prof.  Dr. Andrea Berzlanovich (Wien). Freiheitsentziehende Maßnahmen, auch wenn sie sach- und fachgerecht angewandt werden, können durch Selbstschädigung zu einem tödlichen Unfallgeschehen werden. Alternative Möglichkeiten wurden vorgestellt und den üblichen mechanischen und medikamentösen Verfahren gegenübergestellt. 

Den Horizont erweiterte der Vortrag von Katarina Planer, MScN aus Vallendar: die Wechselwirkungen zwischen Politik, Management und Pflegepraxis verschärfen die Aufgabe, vor allem in den kleinen Situationen des Alltags würdevoll zu pflegen. Schulung und Weiterbildung für eine verbesserte Kompetenz in ethischen Abwägungen seien unverzichtbar. Personalentwicklung von Führungskräften und Maßnahmen der Organisationsentwicklung sind unumgänglich, um eine würdewahrende Pflege im Alltag sicherstellen zu können.

Dr. Marianne Rabe (Berlin) gab einen Einblick in den pflegepädagogischen Auftrag. Nicht nur die Vermehrung des Fachwissens, sondern die Persönlichkeitsentwicklung müsse Ziel der Aus- und Weiterbildung sein. 

Ein neues und weites Aktionsfeld für würdewahrende Pflege hat sich durch die zunehmende Globalisierung unserer Lebenswelten aufgetan. Unterschiedliche Kulturen und damit auch verschiedene Auffassungen von Menschenwürde verlangen ein hohes Maß an Einfühlung und nichtwertendem Verhalten. Dabei seien die Wahrnehmung von Grenzen und ihre Achtung genauso bedeutsam, wie deren behutsame Überschreitung. Keine Kultur kann über eine andere triumphieren. Weite des Herzens (Abt Odilo Lechner OSB) ist angesagt. 

Mit dem Schlussreferat von Pfarrer Dr. Christoph Seidl (Regensburg) bekamen die Zuhörer noch einmal einen hilfreichen Impuls, sich „von sich selber nicht alles gefallen zu lassen“. Die Logotherapie von Viktor Emil Frankl biete eine hilfreiche Unterscheidung zwischen den unveränderbaren Bedingungen (Schicksal) und den oft ungeahnten Möglichkeiten (Freiraum), sich gegenüber den Unabänderlichkeiten des Lebens zu verhalten. Der Satz „ich kann nicht anders“ ist nach Frankl zwar naheliegend, aber nicht zwingend. Deshalb ist eine neue Innerlichkeit als Aufgangspunkt für Wachsen und Reifen in Würde angesagt.

Still und angerührt verfolgten die Teilnehmer die Pantomime von Benedikt Anzeneder. Mehr als Worte sagt die Geste, der Körper selbst in seinen vielfältigen Ausdruckformen.

Ganz im Sinne des besonderen Formats dieses Kongresses waren auch das abendliche Konzert (Quartette von Haydn und Mozart) und der sonntägliche Gottesdienst mit einer überzeugenden Predigt von Krankenhausseelsorger Dr. Norbert Keil (Freising) zum Thema „Liebe“. Was inzwischen eher selten ist, dass Kongressteilnehmer bis zuletzt an allen Programmpunkten mit großem Interesse teilnehmen, spricht für die Wichtigkeit des Themas und für den Auftrag an die Veranstalter, an diesem Konzept einer Weiterbildung festzuhalten.

Klaus Stock

 

Nähere Informationen zu den Beiträgen können sie hier downloaden:

Downloads:

Katarina Planer: Würdewahrende Pflege systemisch betrachtet (350 KB)
Dr. Marianne Rabe: Würdewahrende Pflege lehren (341 KB)
Dr. Christoph Seidl: Mit dem Kopf in den Sternen (875 KB)