Katholischer Pflegeverband e.V.

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18.04.2011

Wie Wahr ist die Wirklichkeit?

„Wann kommt Mama wieder nach Hause?“, Sie wissen doch bestimmt wann ich operiert werde?“ „Wann verstirbt mein Vater?“ Pflegende sollen täglich auf Fragen Antwort geben, oft geraten dabei in Grenzsituationen zwischen Zumutbarkeit der Wahrheit und Barmherzigkeit der Unwahrheit.

Auf diese und hunderte andere Fragen sollen Pflegende täglich eine Antwort finden. Pflegende sind dem Patienten häufig präsent. Daher kann man sie doch “mal eben“ fragen. Weil sie sehen doch ständig den Arzt, kennen die Abläufe im Krankenhaus und müssten doch scheinbar auch dinge wissen die eigentlich nicht in unsere Macht liegen. 

Aber müssen denn Pflegenden immer Antwort finden? Dürfen wir nicht auch mal schweigend auf eine Frage antworten und dieses Schweigen dann einfach mal aushalten und für sich sprechen lassen? Dürfen wir nicht auch mal Fragen stellen abseits von „Haben sie Schmerzen?“ oder „wie geht es ihnen heute?“ ohne dann direkt auf die Patienten u. Angehörige unprofessionell zu wirken? Oder fängt gerade dann Professionalität an wenn man nicht immer mit diversen Standard Sätzen antwortet?

Das folgende Beispiel zeigt sehr deutlich auf, dass man nicht immer direkt eine Antwort haben muss, kann oder gar sollte:

Eine verheiratete Frau mit zwei kleinen Mädchen, 6 und 10 Jahre, kommt sehr geschwächt auf eine onkologische Station. Sie hat 1 ½ Jahre Chemotherapie hinter sich ohne Erfolg. Ihr Mann weiß von Beginn an das sie an einem unheilbaren Tumor leidet welcher bereits am Anfang der Therapie Metastasten in Lunge und Leber gebildet hat. Nur hat seine Frau nie mit ihm über die Prognose gesprochen wie lange sie evtl. noch zu leben hat. Auch weiß er nicht, dass seiner Frau beim jetzigen Aufnahmegespräch gesagt wurde, dass sie wohl nicht mehr nach Hause kommen wird und bald versterben wird. Den zwei Mädchen wurde von beiden Elternteilen während den letzten Monaten nichts von der Erkrankung der Mutter erzählt. Ihnen wurde, wenn die Mama ein paar Tage zur Therapie war, nur erzählt sie sei Arbeiten und das sie einige Tage weg bleiben müsste. Auf der onkologischen Station war sie ständig in Psychoonkologischer Betreuung. Ihr wurde sehr deutlich gemacht, dass sie doch bitte ihre Familie mehr einbeziehen sollte. Da auch gerade Kinder spüren wenn etwas nicht stimmt und ihr Mann sonst später alleine da stehen wird und erklären muss warum die Mama nicht mehr heim kommt. Leider lehnte sie dies immer Konsequent ab, da sie ihre Familie scheinbar „schützen“ wollte.

An einem Sonntag, es war ein verkaufsoffener Sonntag in der Stadt, kamen die Kinder erstmals mit dem Ehemann ins Krankenhaus. Sie waren vorher in der Stadt einkaufen und wollten jetzt der Mama zeigen was sie neues bekommen haben. Sie selber war schon so geschwächt das sie nicht mehr aufstehen konnte. Die Kinder machten im Patientenzimmer eine Modenschau für die Mama. Konnten aber nicht verstehen was mit der Mama los ist. Warum sie nicht aufstehen wollte und sie gar nicht so viel lächelte wie sonst. Sie fragten ihre Eltern aber bekamen nur Ausflüchte als Antwort.

Ich selber, Pfleger auf dieser Station, war gerade im Stationszimmer Medikamente am richten als die die zwei Mädchen zu mir kamen. Sie schauten mich mit ihren großen blauen Augen lächelnd an und fragten: „Du….sag mal…wann kommt die Mami denn wieder nach Hause?“

Dies war jetzt nur ein, ich gebe zu extremes, Beispiel wie man im Alltag als Pflegende  mit Fragen konfrontiert wird.  In dieser Situation hilft es nicht zu überlegen: Was ist vorher alles schief gelaufen, wo hätte man in der Vergangenheit vielleicht anders reagieren sollen damit solch eine Situation gar nicht erst entsteht? All dies spielt in dem Moment keine Rolle. Sondern es muss jetzt, möglichst professionell die eine gestellte Frage beantwortet werde.  Aber was ist in diesem Fall richtig oder falsch bzw. was macht die Professionalität aus.

Diese Fragen kann man, glaube ich, nicht abschließend behandeln und ist auch gar nicht mein Anspruch. Allerdings erwarte ich schon von unserer Berufsgruppe, dass sie es schaffen im Rahmen ihrer situativen Kompetenz sich durch Ihre Aussagen von anderen Berufsgruppen unterscheiden zu können. 

Aber wie schaffe ich es nun in dieser Situation ohne Standartantworten zu reagieren und den Kindern das Gefühl zu geben ernst genommen zu werden?

Ein Idee an dieser Stelle wäre  die Kinder mit zu ihren Eltern zu nehmen und dort mit den Worten abgeben: „Ihre Kinder kamen zu mir und wollten wissen wann Ihre Mama wieder nach Hause kommt?“ Man kann sagen, dass dies eine provokante Art ist mit der Frage um zu gehen. Allerdings kann dadurch auch entstehen das die Eltern erkennen wie wichtig  es ihren Kindern ist eine Antwort zu finden weil sie spüren das etwas nicht Stimmt. Und dadurch keine eine Atmosphäre der, endlich, offene Kommunikation zwischen Eltern und Kindern entstehen.

Eine weitere Lösung wäre es die Kinder Anhand gegen Fragen als ernste Gesprächspartner (was meiner Meinung nach Kinder immer sind) an zu erkennen. Wie zum Beispiel mit der Frage:  „Was habt ihr denn für einen Eindruck wann die Mama wieder nach Hause kommt?“  Auch dies ist gewiss keine einfache Art das Gespräch an  zu nehmen. Allerdings kann man hier durch seine Fragen den Verlauf versuchen zu steuern. Ganz nach dem Motto: „Wer fragt der führt.“ Und dadurch heraus finden welchen Wissenstand sie wirklich über die Erkrankung der Mutter haben oder wie lange sie schon spüren das etwas nicht stimmt. Dadurch bekommen die Kinder das Gefühl ernst genommen zu werden.

Dies waren jetzt nur zwei Versuche auf diese Situationen zu antworten. Ihnen als Leser werden sicherlich noch mehrere einfallen. Weg von Standartantworten „wenn sie wieder gesund ist“ und Ausflüchten „das müsst ihr den Doktor fragen.“

Mir ist wichtig, dass man an diesen Beispielen herausarbeiten kann, dass solche Dinge, wie gute und situative Gesprächsführung im Umgang mit Krankheit, Tod und Sterben die Profession der Pflege ausmacht. Und der Pflegeberuf sich auch über so etwas definieren, und von anderen Berufsgruppen abgrenzen kann. Wenn wir uns immer mehr die Einzigartigkeit unsere komplexen Arbeitsfelder im Vergleich zu anderen, bereits professionalisierten, Berufen bewusst machen und dies auch nach außen transportieren, kommen wir der Professionalisierung der Pflege wieder ein großes Stück näher.

Michael Molitor
Stellvertretende Stationsleitung
Krankenhaus der  Barmherzige Brüder Trier