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28.03.2011

Hartzen Sie noch oder pflegen Sie schon?

Kommentar: Rösler will mehr Pflegkräfte gewinnen

„Minister will Beruf attraktiver machen, Arbeitslose umschulen lassen und Zuwanderung erleichtern.“
So titelt die Saarbrücker Zeitung in einem Artikel vom 8. Dezember. Unstrittig wird in dem Artikel darauf verwiesen, dass der Fachkräftemangel in der Pflege da ist und dass Handlungsdruck besteht.
Die vorgeschlagenen Maßnahmen dazu lauten „Erleichterung der Zuwanderung ausländischer Pflegekräfte“, „Erleichterung der Umschulung von Hilfspersonal zu Fachkräften“, und „Mehr Menschen aus der Arbeitslosigkeit in die Pflege bringen“.
Rösler erklärte vor der Presse, er begrüße den Dialog mit den Verbänden, versprach, die Gesprächsreihe mit gesetzter zeitlicher und inhaltlicher Agenda fortzusetzen und erklärte 2011 zum „politischen Pflegejahr“. Ein wichtigstes Ergebnis sei heute der Konsens darüber, zukünftig ein gemeinsames Berufsbild der Pflege schaffen zu wollen. Die Ausbildung müsse für Kranken- und Altenpflege einheitlich geregelt werden und am Ende müsse jeder die Möglichkeit haben, sich für eine Differenzierung zu entscheiden. Ein weiteres wichtiges Ergebnis sei, dass Einigkeit darüber herrsche, den Pflegeberuf grundsätzlich attraktiver gestalten zu müssen, was nicht ausschließlich mit monetären Anreizen zu realisieren  sei. „Wir müssen ermöglichen, Beruf und Familie zu vereinbaren, müssen altersgerechte Arbeitsbedingungen schaffen und darüber hinaus dafür sorgen, dass seelische Belastungen aufgefangen werden“, erklärte der Minister.
Ausdrücklich verweist der Minister darauf, dass er in Bezug auf diese Maßnahmen in einem engen Austausch mit Frau von der Leyen steht und diese Maßnahmen mit den Arbeitgebern von Pflegeeinrichtungen abstimmen will. Die Pflegeverbände, insbesondere der Deutsche Pflegerat (DPR), sind in diesem koordinierten Abstimmungsverfahren in einem Gaststatus eingebunden.  Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie des Schicksals, dass nun zwei Minister, die in ihrem Primärberuf Ärzte sind, in Absprache mit den Arbeitgebern von Pflegeeinrichtungen Lösungswege aus der Pflegemisere suchen.
Westerfellhaus, der Präsident des Deutschen Pflegerates, sprach von einem Meilenstein, dass die Pflege nach 14-monatiger Regierungszeit von der schwarz-gelben Koalition erstmalig zum Dialog geladen war. „Heute ist ein Meilenstein erreicht worden … Die Brisanz und Relevanz unseres Pflegethemas ist angekommen und ich freue mich darüber, dass der Dialog einen Anfang gefunden hat. Ich begrüße die entschlossenen Impulse seitens der Politik und verlasse mich auf die verbindliche Agenda … Der Pflegerat als zentrale Vertretung der Pflege wird das zukünftige Pflegegeschehen in Deutschland aufmerksam beobachten. Der Minister wird von uns konsequent in die Pflicht genommen werden, die heute geleisteten Zusagen mit Inhalten für die Praxis zu füllen.“
Was ist los mit der Pflege in Deutschland?
14 Monate politische Sprachlosigkeit zwischen Politik und Pflegeverbänden sind mehr als ein Indiz, wie Pflege von den gesellschaftlichen Entscheidungsträgern gesehen wird. Als ein Heer von arbeitenden Menschen, die fremdbestimmt gesagt bekommen, was gut für sie ist. In der Symptombehandlung über
Ursachenbekämpfung gestellt ist, die schnelle (berufs-)politische Beruhigungspille, die den dramatischen Krankheitsverlauf Fachkräftemangel in Europa zudeckt. Es gibt keine Analyse, warum sich europaweit und insbesondere in Deutschland junge Menschen nicht mehr für den Pflegeberuf entscheiden. Fakt ist, der Pflegeberuf zählt nicht mehr zu den 25 attraktivsten Berufen bei der Berufswahl und ist somit zu einer Berufswahl zweiter Klasse geworden. Fakt ist aber auch, dass die Darstellung des Berufes in der Öffentlichkeit nicht zu Begeisterungsstürmen Anlass gibt, obwohl jeder zweite Berufsangehörige den Beruf wieder ergreifen würde. Der Beruf wird von Berufsangehörigen als anspruchsvoll und professionell beschrieben, was das Professionelle jedoch ausmacht, darüber wird nicht gesprochen;, möglicherweise kann auch nicht darüber gesprochen werden, weil es zu komplex erscheint und verbindliche Fachtermini fehlen.
Dieses Phänomen und ein mögliches Nicht-ausgeprägt-sein eines professionellen Selbstbewusstseins, was Pflege überhaupt als gesellschaftlicher Faktor leistet, zwingt Pflegende in die Defensive. Man erlebt sich als Kostenfaktor, nicht als Dienstleister. Das Gespräch, der Beziehungs- und Vertrauensaufbau im therapeutischen Geschehen, wird nicht als eigentliches Professionalitätsmerkmal verstanden, sondern man sucht nach abrechenbaren Produktivfaktoren, die die Pflege als vollwertige Tätigkeit aufwerten.
In dieser inneren Zerrissenheit erleben sich Pflegende im Arbeitsalltag. Ein Mehr an medizinischen Tätigkeiten und immer weniger Zeit für das zuwendende Gespräch in Form von beraten, begleiten, trösten. In dieser Situation des Zuhörens, in der sich soziale, emotionale und kulturelle Kompetenz zum existentiellen Beim-Gegenüber-sein ver­dichten. Der Moment, in dem Patienten Vertrauen fassen und spüren, dass sie als Subjekt im Behandlungsprozess wahrgenommen werden und nicht mehr der objektive Fall sind.  
Weil dies vielleicht die eigentliche Leistung von Pflege ist, in einem Gesundheitswesen, das, um leistungsfähig zu sein, vom Einzelnen auf den Fall generalisieren muss, kann sie diese Leistung nicht aufzeigen, ohne Kränkung zu verursachen. Möglicherweise muss genau aus diesem Grund die Pflege mit dem Etikett der Aphasie belegt werden. Und dann greift die Logik des therapeutischen Geschehens.
Darin spiegelt sich für mich ein Grundübel im Gesundheitswesen, das in der Handlungslogik eines therapeutischen Geschehens eine durch Sprache konstituierte Asymmetrie aufbaut. Der Helfer der als Profi weiß, was gut für den Kranken ist. Die Pflege wird therapiert, politisch durch unsere beiden Minister.
Wenn denn die Pflege therapiert wird von politischen Ärzten, ist sie dann krank?
Es muss also jemanden geben, der die Pflege für krank erklärt  und krankschreibt, und die Berufsgruppe muss die Zuschreibung als Verschreibung auch annehmen. Ich denke, weil Pflege und Pflegende intuitiv einem anderen Paradigma folgen als dem naturwissenschaftlichen Paradigma der Medizin oder der Ökonomie, werden sie nicht verstanden.

Dieses Nichtverstehen führt dazu, dass die Leistung nicht als Leistung, geschweige denn als hochprofessionelle Tätigkeit gesehen wird. Pflege wird zum Kostenfaktor, der lediglich als Nebendiagnose im therapeutischen Geschehen auftaucht. Infolge dieses Denkmusters kann jeder pflegen. Wie Blüm als Gesundheitsminister es ausgedrückt hat:  „Pflegende brauchen ein großes Herz“ –  zum Größenverhältnis von Verstand und Händen hat er sich nicht geäußert, aber zumindest, wenn man sich die Kompensationsmechanismen von Herrn Rössler und Frau von der Leyen vergegenwärtigt, ist seine Einschätzung im politischen Langzeitgedächnis abgespeichert.

Pflegende müssen, und das ist ihre professionelle Pflicht, auf das andere Denken und Handeln der Pflege und dessen Bedeutung im therapeutischen Geschehen hinweisen und diese Bedeutung in den öffentlichen politischen Raum transportieren. Nur dann hat Pflege die Chance der Professionalisierung und gesellschaftlichen Anerkennung, die ihr gebührt.

Dr. Franz Lorenz