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07.06.2019

Christliche Spiritualität, die Ökonomie und das Geld

5. März 2019

Prof. Dr. Rochus Allert

Die Überschrift klingt vielleicht für viele im christlichen Bereich und in der Pflege irritierend, wenn nicht sogar provokant, gelten doch vielfach Geld und Wirtschaft als Gegensatz zu christlicher Spiritualität. Dies lässt sich auch gut begründen mit unendlich vielen negativen Beispielen zu Geld und Wirtschaft, von der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft, der Zerstörung der Umwelt, der Anhäufung von Kapital und Macht auf der einen Seite und absoluter Verelendung auf der anderen Seite bis hin zu unendlich vielen anderen Fehlentwicklungen. Dennoch gibt es Verbindungen von christlicher Spiritualität zu Ökonomie und Geld und tatsächlich stellen sich in Theorie und Praxis die Zusammenhänge deutlich differenzierter dar, auch wenn an dieser Stelle auf eine derart umfassende Thematik nur punktuell eingegangen werden kann.

Spiritualität, hier die christliche Spiritualität, kann verstanden werden als eine im christlichen Glauben und in christlicher Zukunftshoffnung motivierte, bewusst am beispielgebenden Leben Jesu ausgerichtete, Haltung eines Menschen und die damit in Einklang stehende Lebenspraxis.

Die Ökonomie, die Gesetzmäßigkeit eines Haushalts, umfasst die Zusammenhänge der Produktion von Gütern und Diensten, die anschließende Verteilung des gemeinsam Erarbeiteten über Löhne, Gehälter und Unternehmensgewinne, die folgende Umverteilung durch den Staat über Steuern, Sozialabgaben, Transferleistungen wie Kindergeld oder Wohngeld oder staatliche Zuschüsse für die Landwirtschaft und am Ende die Verwendung des gemeinsam Erwirtschafteten als verfügbares Haushaltseinkommen für Spar- und damit gleichzeitig auch Investitions- oder eben Konsumzwecke.

Implizit wird in der Ökonomie vielfach mit ausgegangen vom Wirtschaftlichkeitsprinzip, d. h. der Zielsetzung geringstmöglicher Aufwand und höchstmöglicher Ertrag bei der Leistungserstellung und größtmöglicher Nutzen beim Konsum. Gesondert zu klären bleibt allerdings die Frage, nach welchen Regeln die Wirtschaft gestaltet werden soll, inwieweit die Produktion über eine zentrale Planungsinstanz mit Vorgaben und Eingriffen in die Wirtschaft (Gebote, Verbote, Steuern, Zuschüsse,…) und inwieweit über den Markt, also über Angebot, Nachfrage und Preis gesteuert werden soll. Zudem ist festzulegen, wer entscheidet und nach welchen Kriterien über die Verteilung des gemeinsam Erwirtschafteten, z. B. nach dem Leistungsprinzip, dem Bedarfsprinzip oder dem Gleichheitsgrundsatz und inwieweit wird der Nachhaltigkeitsaspekt berücksichtigt.

Nicht zwangsläufig, aber weit verbreitet wird Wirtschaften auch verbunden mit der Zielsetzung von Wachstum, dem Streben, ständig mehr zu produzieren und mehr zu konsumieren, im privaten Wirtschaftssektor wird sogar gewöhnlich die Gewinnmaximierung angestrebt. Teilweise verselbstständigt sich diese Zielsetzung sogar als Selbstzweck und oberstes Ziel. In anderen Bereichen der Wirtschaft, etwa dem freigemeinnützigen, kann es aber auch „nur“ um Bedarfsdeckung als Ziel gehen.

Geld wird üblicherweise definiert anhand seiner Funktionen wie Recheneinheit, allgemein anerkanntes Tausch-, also Zahlungsmittel, sowie als Mittel zur Wertaufbewahrung. Unterschwellig wird Geld vielfach aber auch assoziiert mit der Zielsetzung der Geld- und Vermögensmehrung, ebenfalls manchmal als Selbstzweck oder mit sehr hoher Priorität.


Punktueller Bezug zu biblischen Quellen

Von Jesus sind in den Evangelien an verschiedenen Stellen immer wieder Beziehungen zu ökonomischen Fragen und dem richtigen Umgang mit Geld überliefert. Gemäß biblischer Quellen sind allerdings bereits damals Differenzierungen vorzunehmen.

Exemplarisch sei hingewiesen auf den, in Gleichnissen dargestellt, Handlungsauftrag, Talente, Geld und Vermögen, nicht etwa zu vergraben und sicher aufzubewahren, sondern zu wirtschaften und zu mehren, und dies nicht nur im übertragenen Sinn (vgl. Mt 25,14-30; vgl. Lk 19,11-27).

Umgekehrt wird auch damals schon vor Verzerrungen gewarnt, vor falscher Prioritätensetzung, vor der Gefahr des Abhängigwerdens, des lebensbestimmenden Charakters des Geldes, etwa mit dem Hinweis, man kann nicht zwei Herren gleichzeitig dienen, Gott und dem Mammon, Mammon zu verstehen als unrechtmäßig erworbenes oder verwendetes Geld und Vermögen (vgl. Mt 6,24; vgl. Lk 16,13).

Auch auf die Frage der richtigen Verteilung und Verwendung des Geldes wird hingewiesen mit Aussagen wie gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist (vgl. Mt 22,21).


Spätere kirchliche Lehre, punktuelle Aussagen

Zu Fragen von Geld und Wirtschaft, insbesondere der gerechten Verteilung des in späteren Jahrhunderten gemeinsam, aber arbeitsteilig, Erwirtschafteten hat auch die Kirche immer wieder unter Berücksichtigung der zwischenzeitlichen Entwicklungen Stellung bezogen. Diese Aussagen lassen sich mit folgenden hauptsächlichen Ergebnissen zusammenfassen: „die Wirtschaft ist für den Menschen da und nicht der Mensch für die Wirtschaft“, „der Mensch hat Vorrang vor dem Kapital“ oder auch „der soziale Fortschritt muss in Einklang stehen mit dem wirtschaftlichen“; folgend exemplarische Belege:

So wird bspw. gefordert, “zuerst eine der Billigkeit mehr entsprechende Verteilung der irdischen Güter… (da) auf der einen Seite eine überreiche Partei, welche Industrie und Markt vollständig beherrscht, weil sie Träger aller Unternehmungen, Nerv aller gewinnbringenden Tätigkeit ist, nicht bloß sich pekuniär (mit Geld, d. Verf.) immer stärker bereichert, sondern auch in staatlichen Dingen zu einer einflussreichen Beteiligung mehr und mehr gelangt. Auf der anderen Seite jene Menge, die der Güter dieses Lebens entbehren muss und die mit Erbitterung erfüllt und zu Unruhen geneigt ist.“ Dies sind Aussagen, nicht etwa von Karl Marx oder vom heutigen Papst Franziskus, sondern schon aus dem vorletzten Jahrhundert von Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika Rerum Novarum (Ziff. 35) aus dem Jahr 1891.

Diese Wertung zieht sich durch. Schon lange vor der letzten weltweiten Finanzkrise schreibt Papst Pius XI in der Enzyklika Quadragesimo Anno, 1931: „Zur Ungeheuerlichkeit wächst diese Vermarktung der Wirtschaft sich aus bei denjenigen, die als Beherrscher und Lenker des Finanzkapitals unbeschränkte Verfügung haben über den Kredit und seine Verteilung nach ihrem Willen bestimmen. Mit dem Kredit beherrschen sie den Blutkreislauf des ganzen Wirtschaftskörpers; das Lebenselement der Wirtschaft ist derart unter ihrer Faust, dass niemand gegen ihr Geheiß auch nur zu atmen wagen kann.“ (Ziff. 106) „… Der freie Wettbewerb hat zu seiner Selbstaufhebung geführt; an die Stelle der freien Marktwirtschaft trat die Vermachtung der Wirtschaft; das Gewinnstreben steigerte sich zum zügellosen Machtstreben. Dadurch kam in das ganze Wirtschaftsleben eine furchtbare, grausenerregende Härte. Dazu traten die schweren Schäden einer Vermengung und unerfreulichen Verquickung des staatlichen und des wirtschaftlichen Bereichs… Hier ein übersteigerter Nationalismus und Imperialismus wirtschaftlicher Art, dort ein nicht minder verderblicher und verwerflicher finanzkapitalistischer Internationalismus oder Imperialismus des internationalen Finanzkapitals, das sich überall da zu Hause fühlt, wo sich ein Beutefeld auftut.“ (Ziff. 109)

Zur Verteilungsgerechtigkeit äußert sich Papst Johannes XXIII. in Mater et Magistra (1961) „…halten wir es für angebracht, alle auf ein wichtiges Gebot der sozialen Gerechtigkeit aufmerksam zu machen: dass nämlich dem wirtschaftlichen Fortschritt der soziale Fortschritt entsprechen und folgen muss, so dass alle Bevölkerungskreise am wachsenden Reichtum der Nation entsprechend beteiligt werden.“ (Ziff. 73) „…der wirtschaftliche Wohlstand eines Volkes weniger zu bemessen ist nach der äußeren Fülle von Gütern über die seine Glieder verfügen, als vielmehr nach ihrer gerechten Verteilung, so dass alle im Lande etwas davon für die Entfaltung und Vervollkommnung ihrer Persönlichkeit erhalten;…“ (Ziff. 74)

Das Zweite Vatikanische Konzil stellt in Gaudium et Spes (1965) heraus: „Die in der Gütererzeugung, der Güterverteilung und in den Dienstleistungsgewerben geleistete menschliche Arbeit hat den Vorrang vor allen anderen Faktoren des wirtschaftlichen Lebens…“ (Ziff. 67) Johannes Paul II. ruft in Laborem Exercens (1981) dieses Prinzip in Erinnerung, „des Vorrangs der Arbeit vor dem Kapital.“ (Kap. 12, Abs. 1) Und zur Wertigkeit schreibt Papst Franziskus in Evangelii Gaudium (2013) „Das Geld muss dienen, nicht regieren!“ (Ziff. 58) und ebd. „Die Ungleichverteilung der Einkünfte ist die Wurzel der sozialen Übel.“ (Ziff: 202) Differenzierend stellt er auch fest: „Die Tätigkeit eines Unternehmers ist eine edle Arbeit, vorausgesetzt, dass sie sich von einer umfassenderen Bedeutung des Lebens hinterfragen lässt; das ermöglicht ihm mit seinem Bemühen, die Güter dieser Welt zu mehren und für alle zugänglicher zu machen, wirklich dem Gemeinwohl zu dienen.“ (ebd. Ziff. 203)

Hier werden mit knappen, aber prägnanten Worten Werte und Ziele für die Wirtschaft insgesamt wiedergegeben. Diese gilt es zu bedenken und umzusetzen. Was bedeutet dies nunmehr mit einem großen geistigen Sprung bezogen auf das Gesundheitswesen und die Pflege in der Bundesrepublik?


Bezug und Konsequenzen für die Arbeit im Gesundheitswesen in der Bundesrepublik

Individuelles Engagement für ganzheitliches Heil, Einsatz für die Heilung von Krankheit und die Verlängerung menschlichen Lebens, sind, wie die Fülle der in den Evangelien erzählten Heilungsgeschichten zeigt, ein Handlungsauftrag für jeden, der sein Leben am beispielgebenden Leben Jesu orientieren will. Dies ist für viele evident und bedarf keiner weiteren Begründung. Wenn dieser Einsatz nicht nur auf der Basis allgemein humanistischer Ziele und Ideale erfolgt, sondern motiviert aus dem biblischen Glauben, sind hier gleichzeitig wesentliche Elemente christlicher Spiritualität realisiert. Soweit dabei im Handeln der einzelnen Person wie der Einrichtung die Prinzipien der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit, der klugen Haushaltsführung und des verantwortungsvollen Umgangs mit knappen Ressourcen mit berücksichtigt werden, um letztendlich effektiver und mehr helfen zu können, steht dies keinesfalls im Gegensatz etwa zu den Zielen christlicher Barmherzigkeit und Nächstenliebe, sondern verstärkt diese.

Parallel dazu, und dies wird leider manchmal übersehen, gehört zu christlicher Spiritualität aber auch, sich mit dafür einzusetzen, dass dem Gesundheitswesen mehr finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden, wenn diese als zu knapp angesehen werden, prinzipiell aber ausreichend in der Gesellschaft vorhanden sind. In der Gesellschafts-, Wirtschafts- und Sozialordnung der Bundesrepublik Deutschland bedeutet dies, sich vor allem politisch stärker dafür einzusetzen, dass gesamtgesellschaftlich dem Bedarfsprinzip und innerhalb der Einrichtung möglicherweise dem Gleichheitsgrundsatz mehr Geltung verschafft wird.

Denn wenn bspw. gesellschaftlich entschieden wird, an der Beitragssatzstabilität in der gesetzlichen Kranken- und in der gesetzlichen Pflegeversicherung festzuhalten, so ist der Rest reine Mathematik. Es folgt daraus, dass z. B bei nicht ausreichend steigendem Wirtschaftswachstum auch die Krankenhausbudgets gedeckelt werden müssen, die Einkommen in der Pflege nur sehr begrenzt steigen können und der Stellenplan nicht ausgeweitet werden kann, egal wie viele Patienten mit welchen Erkrankungen zusätzlich zu behandeln sind. Diese Regelungen kommen dann nicht von der Ökonomie, sondern sind die Umsetzung demokratisch beschlossener Gesetze. Und wenn innerhalb eines Krankenhauses mit gedeckeltem Budget die Verteilung finanzieller Mittel nicht hinreichend in Einklang steht zu Leistung und Gleichheit als denkbaren Prinzipien, so sind möglicherweise Korrekturen vorzunehmen am Chefarztvergütungssystem mit zu starker Orientierung an der Privatliquidation und sogenannten Wahlleistungspatienten. Ansonsten kann, zumindest innerhalb des freigemeinnützigen Bereiches, nicht unbedingt davon ausgegangen werden, dass sich - bildlich gesprochen - irgendwelche Kapitalgeber die Taschen vollstopfen zulasten von Patienten und Mitarbeitern. Faktisch werden vor allem die Beitragszahler entlastet.

Christliche Spiritualität im Gesundheitswesen und in der Pflege kann also gleichermaßen bedeuten, sich, motiviert und ausgehend von der Verkündigung Jesu, persönlich und individuell für ganzheitliches Heil kranker, alter, pflegebedürftiger und sterbender Personen einzusetzen. Dabei sind auch die Kriterien von Sparsamkeit, Wirtschaftlichkeit und des verantwortungsvollen Umgangs mit knappen Ressourcen mit zu berücksichtigen. Zusätzlich heißt dies aber, nicht nur über politische Entscheidungen und daraus abgeleitet wirtschaftliche Fehlentwicklungen zu klagen, sondern sich politisch für eine gerechtere Verteilung der in der Gesellschaft vorhandenen finanziellen Mittel mit stärkerer Orientierung am Bedarf und Gleichheitsgrundsatz zu engagieren; und hier ist gemeinsam, ausgehend von der christlichen Botschaft, noch sehr viel zu tun.